Fastnachtslexikon
„Die Narrenzahl 11"
Die Zahl 11 gilt allgemein als närrische Zahl und spielt im Laufe der Fastnachtszeit in mehrfacher Hinsicht eine Rolle: Am 11.11. um 11.11 Uhr starten alljährlich die Narren in die neue Karnevalsaison, es gibt den Elferrat und die Veranstaltungen beginnen in der Regel um 11 Minuten nach einer vollen Stunde.
Zur Erklärung dieser Zahlensymbolik gibt es verschiedene Ansätze. Seitens der Religion gilt die Zahl Elf als Zahl der Maßlosigkeit und der Sünde. Im Mittelalter kennzeichnete sie alle Menschen, die außerhalb der Sittengesetze standen. Der Bezug zur Fastnacht als ein Fest, bei dem es ausgelassen und nicht immer gerade sehr christlich zugeht, ist insofern leicht herzustellen. Bei der Wiederbelebung des rheinischen Karnevals Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die 11 als Zahl interpretiert, die die Gleichheit aller Menschen unter der Narrenkappe versinnbildlicht, sozusagen eine neben eins. Eine politische Deutung bringt die Elf mit der französischen Revolution in Verbindung. ELF enthält die Anfangsbuchstaben des Mottos der Revolution: Egalité, Liberté, Fraternité (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit)
„Die Narrenkappe"
Die Idee zur Narrenkappe hatte der Preußische Generalmajor von Czettritz und Neuhauß, Kommandeur der 15. Kavallerie Brigarde in Köln. Dieser hatte für den Rosenmontagszug seine Schimmel zur Verfügung gestellt, zur Freude aller Mitglieder des Festordnenden Komitees. Im Gegenzug schlugen diese vor, den Generalmajor zum Kölner Bürger zu ernennen. Bei der zu diesem Zweck stattfindenden Versammlung begann von Czettritz seine Dankesrede mit den Worten: „Gleiche Brüder, gleiche Kappen" und schlug vor 'hinfürhro als Unterscheidungs-Zeichen der Eingeweihten von den Profanen ein kleines buntfarbiges Käppchen' während der Versammlungen zu tragen.
Obwohl man sich fragte, warum nicht ein Kölner schon früher hätte auf diese Idee kommen können, wurde der Vorschlag mit Begeisterung aufgenommen und schnell in die Tat umgesetzt. Auch in anderen Städten und Karnevalsgesellschaften wurde die Narrenkappe, meistens von Anfang an, als geimeinschaftliches Symbol eingeführt. So trugen die Aachener Florresen ab 1829 Narrenkappen und auch der Düsseldorfer 'Carnevalsverein pro 1829'. Die Narrenkappe stand als Symbol für die Gleichheit und Eintracht aller Narren.
Als Gegenstück zum Hut, dem Symbol der bürgerlichen Gesellschaft, verkörperte sie ein Narrenreich, das die Hierarchie des Alltags aufhob.
„Die Fastnachtsfarben"
Die vier Fastnachtsfarben ROT-WEISS-BLAU-GELB sind schon seit den ersten Fastnachtsjahren in Mainz nachweisbar, ohne dass man Herkunft und Bedeutung der Farben genau kennt.
Günter Schenk zitiert in seinem Buch "Fassnacht in Mainz" einen Büttenredner, der im Jahre 1840 seine Narrenkappe in den Saal schwenkte und dazu reimte: "WEISS ist die Reinheit unserer Absicht, dein GELB ist das Sonnengold unserer Herzen, dein ROT ist die Feuerfarbe unserer Gedankenbilder, dein BLAU ist der Azurhimmel unserer Freudigkeit." Es war dies eine poetisch-romantische Beschreibung mit momentanem Unterhaltungswert, aber ohne jeden realen Bezug.
Eine durchaus interessante Deutung weist auf die Trikolore der französichen Revolution mit den Farben BLAU-WEISS-ROT hin, die um die Farbe GELB erweitert wurde. Bekanntlich wurde die erste Mainzer Narrenkappe nach dem Vorbild der Jakobinermütze gefertigt, die eine Kokarde in den Farben BLAU-WEISS-ROT aufwies. Das GELB könnte als alte Kirchenfarbe oder als eine der Farben, die im Kostüm der Clowns und Harlekine dominierten, eingebracht worden sein.
Sei es wie es sei. Wichtig für den Fastnachter ist, dass Blau in dem Vierfarbbanner enthalten ist, denn kaum ein anderes Wort reimt sich besser auf „Helau".
„Die Orden"
Sie gehören zur Fastnacht wie der Bajazz und der Till. Durch ihn identifiziert sich der Narr mit seiner Korporation und trägt ihn als sichtbaren Beweis für sein Engagement in "der herrlichsten Nebensache der Welt".
Die Geschichte der närrischen Orden ist dabei so alt wie die organisierte Fastnacht selbst, die im Jahre 1838 begann. Eines der Gründerziele war es, das lange Zeit dem Adel und dem Militär vorbehaltene Ordenswesen zu persiflieren.
Doch nach relativ kurzer Zeit gab es eine wahre Ordens-Renaissance. Viele Orden sahen wieder aus, als seien sie wirklich welche. Erst nach dem Ersten Weltkrieg gestaltete man sie mit närrisch kreativer Phantasie. Gekreuzte Schwerter ersetzte man durch Pritsche und Narrenzepter, der deutsche Adler machte der Eule Platz, lokale Motive fanden Einzug. So zeigt der erste Nachkriegsorden des MCV den Narren, der versucht, vor der Stadthalle den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.
Heute sind die Orden nicht selten kleine Kunstwerke - im Prinzip also von der ursprünglichen Bedeutung wieder weit entfernt. Kein Wunder, dass es Pseudo-Fastnachter gibt, die mit allen möglichen Tricks versuchen, in einer Kampagne so viele der begehrten Orden abzustauben, dass sie ihren Rücken noch behängen müßten, da die Brust allein nicht mehr ausreicht. Und das alles ohne Nachweis fastnachtlichen Tuns. Der aktive Narr bedauert und verurteilt dies, bleibt aber vom ideellen Wert seines redlich verdienten Ordens überzeugt.
„Der Narhalla-Marsch"
Als im Jahre 1838 der Mainzer Carneval-Verein ins Leben gerufen wurde, zählte der österreichische Regiments-Kapellmeister Karl Zulehner zu seinen Gründungsmitgliedern, der von Anfang an auf den Veranstaltungen des Vereins auch den Dirigentenstab schwang. Einen Karnevalsmarsch kannte man damals noch nicht. Es darf aber angenommen werden, dass man nach einer geeigneten Melodie suchte.
Zu den populärsten Komponisten jener Zeit gehörte Adolphe Adam, dessen "Postillion von Lonjumeau" die Welt eroberte. An dem hohen D der Postillion-Arie berauschen sich noch heute Tenöre und Publikum. Adam schrieb aber unter anderem auch noch die Oper "Der Brauer von Preston", die zwar nicht die Berühmtheit des Postillions erreichte, der aber die Fastnacht den Mainzer Narrhallamarsch verdankt.
Sie wurde 1840 in Mainz aufgeführt. In ihr entdeckte Zulehner die Motive, aus denen er den Narrhallamarsch zusammenstellte. 1844 dirigierte er ihn in seinem Arrangement erstmals bei der Eröffnung der Kampagne. Einen festen Text hat der Narrhallamarsch nicht. Gelegentlich wurden und werden ihm spontane Dichtungen unterlegt. Diese haben aber nur aktuellen Begeisterungswert. Beim Narrhallamarsch spricht die Musik für sich selbst.